VCS Verkehrs-Club der Schweiz

Sektion Ob- und Nidwalden
VCS / ATE / ATA

Kritik am Kaiserstuhltunnel

Obwaldner Zeitung, Freitag 14. Juli 2017

OBWALDEN ⋅ Der geplante Kaiserstuhltunnel ist ein überrissenes Luxusprojekt, unter dem Natur und Landschaft zu leiden hätten: Dieser Meinung sind die Umweltschutzverbände. Sie reagieren deshalb mit einer Einsprache gegen das 270- Millionen-Strassenprojekt.

Adrian Venetz / adrian.venetz@obwaldnerzeitung.ch

«Es soll für 270 Millionen Franken ein Luxusprojekt mit Tunnel und umfangreichen Anschlussanlagen erstellt werden, obwohl die Notwendigkeit einer Alternative zur bestehenden Strasse in keiner Art und Weise nachgewiesen ist.» Dies schreiben die Regionalsektionen der Verbände VCS, WWF und Pro Natura in ihrer Einsprache zuhanden des Bundes und der Obwaldner Regierung.

Stein des Anstosses ist der Bau eines neuen Strassenabschnitts samt Tunnel zwischen Giswil Süd und Lungern Nord. Die Region Kaiserstuhl würde damit halbkreisartig im Berg umfahren. Der Zeitgewinn für Autofahrer würde zwar nur etwa 1 Minute betragen, Befürworter des Projekts aber streichen vor allem die erhöhte Sicherheit der Verkehrsteilnehmer hervor. Ihnen ist der heutige kurvenreiche und eher schmale Abschnitt der Brünigstrasse schon lange ein Dorn im Auge. Gegner des Tunnelbaus finden dagegen, das Projekt sei überdimensioniert und ein zu grosser Eingriff in Landschaft und Natur.

Überraschend kommt die gestern publizierte Einsprache der Umweltverbände nicht. Zwar hatte Daniel Daucourt, Co-Präsident der VCS-Sektion Ob- und Nidwalden, vor drei Wochen im Gespräch mit unserer Zeitung noch offengelassen, ob man sich gegen das Projekt wehrt. Doch schon damals warnte er: «Das Risiko, Obwalden in einen Transitkanton wie Uri umzuwandeln, nimmt zu.» Mit der nun erfolgten Einsprache stützen sich die Umweltverbände aufs Verbandsbeschwerderecht. «Hauptkritikpunkt ist, dass das Projekt in jeder Hinsicht unverhältnismässig ist», schreiben die Verbände in ihrer Medienmitteilung. «Weder die Bedeutung der Strasse noch das relativ geringe Verkehrsaufkommen von durchschnittlich rund 9200 Fahrzeugen pro Tag im Gebiet Kaiserstuhl noch die Verkehrssicherheit rechtfertigen ein solches Grossprojekt.» Zudem erinnern die Verbände daran, dass selbst die Obwaldner Regierung 2014 noch der Ansicht war, ein so teures Projekt sei unverhältnismässig.

Eine «traurige Bilanz dieses vergoldeten Projekts»

Weiter beanstanden die Umweltverbände, es sei nie seriös abgeklärt worden, ob und wie man die bestehende Hauptstrasse ausbessern könnte, statt gleich einen neuen Tunnel zu bauen. «Die heutige Strecke ist gemäss Unfallstatistiken nicht besonders gefährlich», so Daniel Daucourt. In Tunnels mit Gegenverkehr – etwa im Tunnel Sachseln – komme es auch zu Unfällen. «Beim geplanten Projekt ist die Situation noch schlimmer, da der Tunnel Kaiserstuhl kurvenreich und über die Normen steil ist.» Seraina Bamert, Geschäftsführerin Pro Natura Unterwalden, fügt hinzu: «Das Projekt beeinträchtigt unnötig stark die Landschaft oberhalb von Giswil und am Ufer des Lungerersees. Für Natur und Landschaftsbild ist der Eingriff gewaltig.» Gemeinsam halten die drei Umweltverbände in ihrer Mitteilung fest: «Abgesehen von den Risiken und von den Eingriffen in Natur und Landschaft entstehen immense Kosten bei fehlendem öffentlichem Interesse und nicht nachgewiesenem Nutzen. Das ist die traurige Bilanz dieses vergoldeten Strassenprojekts.»

Noch keine Kenntnis von der Einsprache hatte man gestern beim Kanton. Überrascht sei man jedoch nicht, wie Kantonsingenieur Jörg Stauber auf Anfrage sagt. Beim 4 Kilometer langen Abschnitt mit dem 2 Kilometer langen Tunnel handle es sich um eine Netzfertigstellung der Nationalstrasse. «Planung und Ausführung erfolgen unter Federführung des Standortkantons. Das Plangenehmigungsverfahren wird jedoch vom Bund durchgeführt, und er erteilt dann auch die Baubewilligung.» Der Bund sei deshalb auch für die Behandlung von Einsprachen zuständig. «Vermutlich wird der Bund uns nächstens die Einsprache zur Stellungnahme zusenden», so Stauber. Erst dann werde sich die Regierung offiziell dazu äussern.

«Das Projekt beeinträchtigt unnötig stark die Landschaft oberhalb von Giswil und am Ufer des Lungerersees.»

Seraina Bamert
Pro Natura Unterwalden 

Zeitungsartikel in der ONZ vom 14.07.17

Antwort Leserbrief vom 18.07.17

  

N8 Lungern Nord - Giswil Süd (u. a. Tunnel Kaiserstuhl)

Das Ausführungsprojekt sieht eine rund 3,7 km lange zweispurige Autostrasse, inklusive einem rund 2 km langen Kaiserstuhltunnel, mit Dreiviertelanschluss in Giswil Süd und einem Halbanschluss in Lungern Nord vor, bei Gesamtkosten von rund 270 Millionen Franken    

Einsprache gegen das Ausführungsprojekt N8 Lungern Nord – Giswil Süd (Kaiserstuhltunnel): 11. Juli 2017

Der VCS Verkehrs-Club der Schweiz (Sektion Ob- und Nidwalden), der WWF Unterwalden und Pro Natura Unterwalden haben beim Eidg. Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) Einsprache gegen das Ausführungsprojekt N8 Lungern Nord – Giswil Süd (Kaiserstuhltunnel) eingereicht. Das Projekt wird als unverhältnismässig zurückgewiesen.

Das Ausführungsprojekt sieht eine rund 3,7 km lange zweispurige Autostrasse, inklusive einem rund 2 km langen Kaiserstuhltunnel, mit Dreiviertelanschluss in Giswil Süd und einem Halbanschluss in Lungern Nord vor, bei Gesamtkosten von rund 270 Millionen Franken.

Überrissenes Ausführungsprojekt
Dieses Projekt lehnen die Umweltverbände VCS, WWF und Pro Natura als Ganzes ab. Hauptkritikpunkt ist, dass das Projekt in jeder Hinsicht unverhältnismässig ist. Weder die Bedeutung der Strasse, noch das relativ geringe Verkehrsaufkommen von durchschnittlich rund 9'200 Fahrzeugen pro Tag im Gebiet Kaiserstuhl (bei Alpnachstad beträgt der durchschnittliche Verkehr im Vergleich rund 27’000 Fahrzeuge pro Tag), noch die Verkehrssicherheit rechtfertigen ein solches Grossprojekt. Noch 2014 erklärte der Regierungsrat von Obwalden, dass aus Sicht des schweizerischen Steuerzahlers ein solches teures Projekt unverhältnismässig sei, «ist doch die Verkehrssicherheit auf dem Abschnitt, der künftig mit einem Tunnel umfahren werden soll, nicht übermässig gefährdet.»

Massive Eingriffe in Landschaft und Natur
Durch den oberirdischen parallelen Verlauf von Brünigstrasse und Autostrasse, teilweise auf Brücken, die überdimensionierten extrem raumgreifenden Anschlüsse in Giswil Süd und Lungern Nord, sowie durch die breiten Strassenzüge, Rampen, Böschungen mit und ohne Stützmauern und Kunstbauten entsteht ein massiver Eingriff in das Landschaftsbild. Zudem wird massiv Wald und landwirtschaftliche Nutzfläche beansprucht und führt das Projekt zu unzulässigen Eingriff in Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung und in schutzwürdige Lebensräume wie Ufervegetation, Hecken, Feldgehölze, Waldränder usw.

Lange und belastende Bauphase
Die Bauarbeiten würden zu ausserordentlich hohen Belastungen und Verkehrseinschränkungen führen. Während der langen Bauphase von geplanten ca. 8 Jahren sind auf der Brünigstrasse zwischen der Zufahrt Deponie Mutzenloch und dem Landhaus ca. 55'000 Fahrten zu erwarten, also über 140 Fahrten pro Tag.

Fehlende Variantenabklärung und daher nicht aussagende Kosten/Nutzen Analyse
Ausserdem beanstanden die Umweltverbände, dass die Möglichkeiten, auf der bestehenden Hauptstrasse im Gebiet Kaiserstuhl die notwendigen Verbesserungen zu erzielen, nie seriös abgeklärt wurden. Sie verlangen, dass zunächst eine Variante mit Ausbau der bestehenden Brünigstrasse (als Nationalstrasse 3. Klasse) inklusive aller notwendigen möglichen Verbesserungen sowohl für den Verkehr (Entschärfung heikler Stellen, Wanderwege, Radstreifen), als auch für die Umwelt (insbesondere Schutz von Wild und Amphibien, Ausgleich- und Ersatzmassnahmen) und betreffend Schutz vor Naturgefahren zu erarbeiten ist. Erst wenn eine solche Variantenstudie vorliegt, kann überhaupt beurteilt werden, ob der Bau einer neuen zusätzlichen Strasse erforderlich und notwendig ist. Die bestehende Strecke könnte, wie dies nun nach dem Lungerertunnel beim Brünigpass vorgesehen ist, für deutlich weniger Geld so ausgebaut werden, dass sowohl für den motorisierten Verkehr wie für Velofahrer und Fussgänger gute, sichere Lösungen bestehen.

 

 

Was meinen wir und unsere Partner zu diesem Projekt?

Pro Natura Unterwalden: Seraina Bamert, Geschäftsführerin:

  • Das Projekt beeinträchtigt unnötigerweise stark die Landschaft oberhalb von Giswil und am Ufer vom Lungerersee. Für Natur und Landschaftsbild ist der Eingriff gewaltig.

VCS Ob- und Nidwalden: Daniel Daucourt, Co-Präsident:

  • Die heutige Strecke ist gemäss Unfallstatistiken nicht besonders gefährlich. In Tunnels mit Gegenverkehr ereignen sich auch Unfälle (wie z.B. im Tunnel Sachseln). Beim geplanten Projekt ist die Situation noch schlimmer, da der Tunnel Kaiserstuhl kurvenreich und über die Normen steil ist. 
  • Eine Nationalstrasse 3. Klasse-Variante, basierend auf dem Ausbau der aktuellen Hauptstrasse, wurde nie erarbeitet und nie mit anderen Varianten verglichen. Dies ist unverständlich.

WWF Unterwalden: Marc Germann, Geschäftsführer:

  • Die zusätzliche Autostrasse und die geplanten Anschlüsse gefährden diverse Lebensräume, u.a. Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung. Deswegen gehört das Projekt redimensioniert.

Alle sind sich einig: 

  • Abgesehen von den Risiken und von den Eingriffen in Natur und Landschaft entstehen immense Kosten bei fehlendem öffentlichem Interesse und nicht nachgewiesenem Nutzen. Das ist die traurige Bilanz dieses vergoldeten Strassenprojekts.

  

Medienmitteilung vom 13.07.2017

Einsprache vom 11.07.2017

 

 

Projekt war schon in der Vergangenheit umstritten: 20. November 2014

Der Regierungsrat von Obwalden hatte die Tunnelpläne schon mal fast begraben. Kam aber auf Druck vom Kantonsrat auf seinen Entscheid zurück. Die Obwaldner Zeitung berichtete über diese Kehrtwende:

Der Bericht vom 20. November 2014 in der Obwaldner Zeitung.